A Cock Tale

Ich erwache in einem Zimmer. Der Deckenventilator verteilt die abgestandene, moskitoverseuchte, faule Luft im Raum. An der Wand über meinem Kopf prangert ein riesiges Schattenhakenkreuz. Das Licht auf dem Hof projiziert die Holzschnitzerei über der Tür in überwältigender Größe an die schimmlige Wand. Es scheint fast wie ein Willkommensgruß [Sieg Heil, asshole!!!]. Ich bin bis auf eine komplett durchnässte Unterhose, die an meinem stinkenden Körper klebt, nackt. 28 Stunden und drei internationale Airports trennen mich von…. Ich laufe davon. Auf der Flucht vor diesem Unaussprechlichen, das hinter mir liegt. Trugschluss: Entfernung bringt Vergessen. Drauf reingefallen: 624 Euro an traveloverland.com überwiesen und durch die halbe Welt geflogen. Nichts hat sich verändert. Ich schwitze. Stinkende Brühe läuft aus jeder Ritze meines Körpers – ich erkenne meinen körpereigenen Geruch nicht mehr – olfaktorisches Gemetzel – in einem fremden Körper. Hunde bellen und raufen sich auf der Straße. Ein starker Schluck Whiskey lässt mich zu mir kommen. Brennen in den Eingeweiden. Husten. Wärme. Aufatmen.
Mein Körper ist aufgebläht. Fuck. Vielleicht doch? Ich haue auf meinen Bauch. [Verpiss dich!] Ein Schluck aus der ranzigen Flasche fühlt sich an wie ein Kinnhaken. Schwankend stehe ich auf, quäle mich in ein zu enges T-Shirt und ziehe mir eine Jeans über die Arschbacken. Man bin ich fett geworden. [Elefantenarsch. Wahlroß. Fette Sau!] Noch ein Schlag in die Magengegend. Aber mein Körper scheint immun gegen physische Gewalt. Wen wundert‘s. Ich betrachte mich im Spiegel. Beinahe kommt mir das Kotzen. Angeekelt wende ich mich ab. Jeans? Beschissene Idee. Enge Kleidung ist wohl das Falsche für die Tropen. Ich torkle zur Tür. Bam! die Sonne brüllt mich an. Ich kann nichts erkennen. Alles hell und die Strahlen fühlen sich an wie Millionen Nadelstiche auf meiner Haut. Ray-Bans Cats 5000 hilft gegen das Licht. Den letzten Schluck aus der Flasche schütte ich hinunter. Beinahe kommt es mir hoch, aber eben nur beinahe. Die Flasche segelt ins Gebüsch neben dem Bungalow. Irgendeine Angestellte, leicht untersetzt und mit milchschokoladenbrauner Haut, schaut mich entgeistert an. Ich hätte gerne ihre Hautfarbe und sie hätte gerne meine. Hier hat jede Bodylotion einen whitening effect [l‘oreal white perfect] und bei uns enthalten sie Selbstbräuner [l’oreal sublime bronze]. Verfluchte Welt. Jeder will was er nicht hat. Immer unzufrieden. Aber von Seiten der Industrie – perfektes product placement.

56 days later

Mann, hat sich der Kerl weit zurückgezogen. Früher wäre er hier allenfalls fürs Business hergekommen. Er will ganz sicher nicht auffindbar sein, aus dem Hintergrund agieren, den Rest, der ihm noch bleibt, verwalten [Wichser!]. Früher war er nicht so, nein, da hat er die schmutzigen Dinge noch selber in die Hand genommen. Im wahrsten Sinne des Wortes, nur eine dünne Schicht Gummi trennten seine hässlichen Pratzen von seinen Opfern. Direkt an vorderster Front, direkt am Kunden, direkt am Produkt. Er hat Angst und wohl auch Probleme bekommen und versucht sich jetzt zur Ruhe zu setzen. Ein fataler Fehler. Ich bin nicht mehr weit entfernt von ihm. Durch den Regen und den Dschungel kann ich schon Lichter erkennen. Ich spüre seine Nähe. Ich kann ihn nicht sehen aber ich weiß, dass er „zuhause“ ist. Früher wäre ich niemals so nahe an ihn rangekommen. Früher hätte ich auch keine Leute mit Gewalt dazu gebracht, mir Informationen zu geben. Und früher wäre ich auch nicht schwarz angemalt in einem Kampfanzug und bis auf die Zähne bewaffnet durch den Dschungel gerobbt. Tja früher ist (oder besser: war) eben früher. Seit ich das Schattenhakenkreuz über meinem Kopf in der moscito-warzone hinter mir gelassen habe, sind 56 Tage vergangen. Drei Dinge haben sich seither verändert. 1. Ich bin noch fetter geworden. 2. Ich habe aufgehört wie eine Irre zu schwitzen und zu trinken. Und 3. Ich habe eine Information erhalten, die aus meiner vermeintlichen Flucht vor der Vergangenheit eine Option zur Rache gemacht hat. Rape and revenge, haha. Er, der vermeintliche Teufel, der Boogieman, der, dessen Namen schon Verderben über ganze Regionen bringen soll, ist sozusagen arbeitslos geworden und versteckt sich am Ende der Welt auf einer kleinen Privatinsel. Und ich habe ihn gefunden.

Es ist stockdunkel. Nur die Lichter seines Anwesens sind durch den Busch sichtbar. Han, mein einziger, lets say friend, ist bei mir. Auch er hat noch eine Rechnung mit ihm offen. Han ist gekleidet wie ein Ninja, obwohl er eigentlich Iban ist, ein Headhunter. Hans Ziel ist sein Kopf. Mein Ziel ist sein Schwanz. Han wird seinen Kopf in einen geflochtenen Korb stecken und in seiner Hütte aufhängen. Ich werde seine Eier abschneiden, dann seinen Schwanz. Und zwar genau so wie ich es sage. Schnipp schnapp. Ich und eine Kamera werden ihn beobachten während er langsam, sich vor Schmerzen windend, verblutet. Han wird ein Tattoo erhalten, ein außergewöhnliches, denn er hat das Böse besiegt. Ich werde Befriedigung erhalten für seinen Verrat. Aber erst mal ist Silencio angesagt. Wir müssen an den Wachen vorbei, Stacheldraht aufbiegen, Alarmanlagen ausschalten, Minenfelder durchqueren und Hunde einschläfern. Ich weiß nicht, wie er sich das vorgestellt hat mit dem unauffällig versteckt auf einer einsamen Insel zurückgezogen zu leben. Dieses Haus, die Anlage und die Sicherheitsvorkehrungen stechen wie riesige Warzen im Gesicht eines Babys sofort ins Auge. Han lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich. „Evelina, there he is, on the balcony. The guy is smoking a cigar. Bastard. Let’s kill that motherfucker.“

Deus ex machina 1 – the past of Evelina:

Evelina? Jup, Evelina! Als er damals den Befehl am Telefon gab, sie zu erlösen und zwar „diesmal ohne Kamera“, hatte er zwei Dinge nicht bedacht. 1. Wenn du willst, dass etwas „richtig“ gemacht wird, musst du es selber machen oder es zumindest kontrollieren und 2. Nimm dir ein Beispiel an Pablo – bezahle deine Angestellten leistungsgerecht. Die zwei Killer, die den Befehl bekommen hatten Evelina kurz und schmerzlos zu erlösen, haben sich für eine weitaus lukrativere Option entschieden. Anstelle nur die Kohle für den Auftrag einzustreichen und damit eine wirklich reizende, gutaussehende und heißbegehrte fuckmachine kaputt zu machen, haben sie die Kohle für den Auftrag eingestrichen UND Evelina für den doppelten Preis an einen anderen Großhändler verkauft. Nun ist Evelina nicht ganz so dumm, wie man meinen könnte. Chuck, einer ihrer Stammgäste, ein überaus zarter Bursche mit einem Hang zu Fäkalien, verliebt sich in sie. Evelina überredet ihn sie freizukaufen, was in etwa dieselben Aussichten auf Erfolg hat wie der Versuch einen beim Essen nicht furzenden und rülpsenden Chinesen zu finden. Chuck hat aber einen reichen Daddy mit guten Beziehungen in die höheren Kreise und bam! der Chinese hört auf zu furzen und zu rülpsen. Evelina, da sie nicht dumm ist, fängt eine Affäre mit dem reichen Daddy an, intrigiert und tata! dem Sohn gefällt das gar nicht. Das Resultat sind Messerstiche, zwei Schüsse, zwei Männer tot und Evelina auf dem Weg in die Tropen um Rache am Boogieman zu nehmen.

Deus ex machina 2 – Heads up:

Es ist eine alte Tradition der Iban, die Köpfe ihrer Gegner abzuhacken und in Körben aus Rattan in ihren Langhäusern aufzubewahren. Den Kopf richtig zu versorgen ist mindestens genau so schwierig wie den Kopf zu besorgen. Eine Lebensaufgabe. Han ist ein Iban. 1976 kam es in einer Grenzregion zwischen Indonesien und Malaysia auf Borneo zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen einigen Ibans und staatlichen Truppen beider Länder. Ursache waren finanzielle Interessen einiger westeuropäischen Investoren, die Grundrechte an den Gebieten der Iban erworben hatten, um den Regenwald durch Ölpalmen zu ersetzen. Während den erbitterten Kämpfen starben hunderte Männer auf beiden staatlichen Seiten. Die letztenendes technisch überlegenen staatlichen Truppen brannten unter erheblichen Kopfverlusten alle auffindbaren Siedlungen der Iban nieder, nachdem sie deren weiblichen Stammesmitglieder verschleppt hatten. Der federführende Investor hatte zu den enormen Summen für das Land der Iban auch angeboten, die entsprechenden Frauen und Mädchen lukrativ zu entlohnen. Han war damals acht Jahre alt. Seine Mutter und seine drei Schwestern wurden verschleppt. Sein Vater und seine drei Brüder wurden vor seinen Augen zu Tode getreten, bevor er in den Dschungel geschickt wurde. Eine Möglichkeit für die zivilisierten Männer, die anderen noch verborgenen Langhäuser mittels Bluthunden zu finden. Aber auch Han ist nicht dumm. Er führt 56 Männer tief in den Dschungel. Hinterhalt. Gemetzel. 56 Köpfe hängen nun in 2 Langhäusern.

Deus ex machine 3 – how to be a bad enterpretaneur:

Beziehungstrouble führt zur Rache der vernachlässigten Ehefrau – oder vielleicht auch einfach nur die Möglichkeit durch einen kleinen Verrat enorm reich zu werden. Kurz – ein Grund für seinen Misserfolg ist oder besser war seine mangelnde Fähigkeit seine eigene Frau richtig zu ficken. Ansonsten wäre es nicht so weit gekommen. Studien zeigen, dass ein ausgewogenes Sexleben die Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg steigern. Andersherum ist das Ganze natürlich auch denkbar – wirtschaftlicher Erfolg bringt mehr Sex – logisch – ist aber Haarspalterei. Seine Frau bringt Dinge in Bewegung, deren Auswirkungen sie sich selbst nicht vorstellen kann. Konsequenz: Wenn du deinen Ehemann an andere verkaufst, bist du wenn die Transaktion nicht wirklich, oder nur zum Teil funktioniert das übrig gebliebene Pfand – also letztlich selbst nicht mehr viel wert. Darmperforation durch zu wenig Dehnung und zu viel Masse. Verblutet in der eigenen Scheiße.
Sein einziges nicht materielles Kapital sind seine Connections. Diese helfen ihm letztlich noch einiges an materiellem Kapital zu sichern und sozusagen seinen Ruhestand auf einer Insel zu verbringen, denn auch er ist nicht dumm.

go get him, girl!!!

Natürlich, der finale Kampf. Ich und Han schaffen es auf den Balkon. Er bemerkt mich. Battle. Han opfert sich für mich – ich schaff es, meinen Plan durchzuführen. Aber vorher die Szene, in der er mich auf meinen jetzt schon dicken Bauch aufmerksam macht – ja sage ich, es ist ein Kind! Aber noch lange nicht dein Kind! Finally – meine Rache. Er kniet vor mir, Han liegt verwundet in der Ecke. Er habe mich geliebt und darum verlassen müssen. Liebe sei nicht so einfach zu erklären. Mir ist sein Gewinsel egal. Mein einziges Ziel ist meinen Plan auszuführen. Kamera an! Eier ab! Schwanz ab!

Danach

Shiyaaat, das war eine blutige Angelegenheit. Aber das Beste ist, dass es nun den Boogieman nicht mehr gibt, oder zumindest nicht mehr an einem Stück. Haha!!! Um Han habe ich mir Sorgen gemacht, aber er hat‘s überlebt. Und das ist auch gut so – ohne ihn wäre ich nun ganz allein auf meiner Bare auf dem Weg in diesen beschissenen Kreissaal in diesem noch beschisseneren Krankenhaus. FUUUUUCK – die scheiß Wehen. SHIIIYAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAT!!! Ich habe das Gefühl zerrissen zu werden. Der Mann im Kreissaal schaut mich komisch an – hinter seinem Mundschutz sehe ich seltsam vertraute Augen blitzen. Ich kann nichts mehr sagen, die Spritze ins Rückenmark lindert nicht nur den Schmerz, sondern lähmt auch einen Teil meines Gehirns. Ich schaue Han flehend an, nehme seine Hand und presse.

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Daniel Mihajlovski ist Chef und Herausgeber des CRAP-MAGAZINE. Sein Schwerpunkt liegt in seiner Körpermitte aber auch im Geschichten schreiben. Zuletzt erschien: „Way Down In A Hole“ mit Bildern von L.I.N.S..

Aisling Clarke malt für ihr Leben gerne Tätowierungen. Für das CRAP-MAGAZINE zeigt sie zum ersten Mal in Deutschland ihr Können. Anfragen und Aufträge gerne über AC@crap-magazine.com







 
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