A Story about Fisting – Or What Is Love?

Eine Erzählung von Daniel Mihajlovski

Gefickt. Der kleine Plastikpimmel auf deinem Armaturenbrett wackelt auf und ab. Wir reden nicht mehr. Vielleicht passiert das allen Paaren, vielleicht auch nur uns. Wir haben nicht darüber gesprochen, manche Dinge sind nicht in Worte fassbar, nur fühlbar. Ich frage mich die ganze Zeit wie ich die Sache wieder aus meinem Kopf bekommen soll. Aber ich werde nichts raus bekommen. Ein großer Schwanz hat mein Hirn gefickt. Brain Damage. Und ich hab es nicht kommen sehen, ich mein, ja irgendwie schon, aber damit habe ich nicht gerechnet. Irgendwie dachte ich, ich sei sowieso schon abgestumpft gegen all die echten, supertollen, gehypeten Gefühle.
Bei uns angekommen, ficken wir. Harter Sex und jeder schaut nur nach sich. Ich hau dir lustlos auf die Arschbacken, aber irgendwie ist mir langweilig dabei. Ich schlage dir vor eine Line zu ziehen und da du auch nichts mehr vor hast an diesem Vormittag, hauen wir uns jeder eine rein. Unser Egoproblem ist natürlich dadurch nicht gelöst, sondern gesteigert worden. Abreagieren der Schuld am Körper des Anderen. Verzweifelter Versuch Verzweiflung durch Orgasmen zu lösen.
Als die Kinder von der Schule heimkommen, hast du bereits geduscht. Ich liege noch angesifft im Schlafzimmer, in deinem Schlafzimmer. Mein Arschloch krampft. Ich höre dich vor der Türe mit den Kindern schimpfen. Du sagst sie sollen ihren Erzeuger in Ruhe lassen und auf keinen Fall ins Schlafzimmer gehen. Das ist mein Signal. Ich springe auf, um noch rechtzeitig an die Türe zu hechten und den Schlüssel umzudrehen, aber zu spät, die verzogenen Rotzgören sind schneller. Tom und Jerry stehen in der Tür, zeigen beide mit dem Finger auf mich und lachen ihren Vater aus. Ich weiß nicht genau, ob sie wegen meinem Bierbauch lachen oder wegen meinem kleinen verschrumpelten Penis. Wütend scheuche ich sie aus dem Zimmer und sperre hinter ihnen ab.

Einsamkeit ist ein leiser Killer.

Im Großraumbüro herrscht Hochbetrieb. Tausende Telefone klingeln. Überall Stimmengewirr. Ich ziehe mich in mein eigenes Büro am Ende des Tunnels zurück und gehe meine Emails durch. Ein ganzer Berg uninteressanter Bewerbungen, Titten und Ärsche für die Hotlines und die Clubs. Aktuell habe ich einen Einstellungsstop beschlossen – die Krise macht auch keinen Halt vor dem Sexgeschäft. Zum Glück aber habe ich verschiedene Projekte am Laufen. Vor allem mein Weinhandel mit kolumbianischen Rebellen läuft immer noch gut. Sogar besser als vor der Krise. Drogen. Der stabilste Markt, den du dir vorstellen kannst. Wir alle machen weltweit zusammen ca. 500 Milliarden US-$ im Jahr mit dem Scheiß. Danke, ihr beschissenen Junkies. Danke, ihr reichen, verkoksten Yuppies und Politiker. Ohne euch wäre die Welt ein bisschen besser und ich weniger reich. Bei einer Nachricht von Carlo bleibe ich hängen. Er meint, meine Weinbestellung sei auf dem Weg und ich solle mich nun an den Großhändler wenden, um den Geldtransfer zu erledigen. Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia. Ich schicke X los um das zu erledigen. Loyalität ist das oberste Prinzip und X ist nicht nur loyal, er betet mich an. Er ist mein treuer Schäferhund.
Ein Monat in Dachau. My favorite piece. Ich finde es faszinierend, wie es ein einziger Schauspieler schafft, die perversesten und ungeheuerlichsten Dinge in die Köpfe von Menschen zu pflanzen, ohne sie ihnen zu zeigen, nur indem er es ihnen erzählt – den Rest macht ihre Phantasie. Das schlimmste, das der Mensch besitzt. Füttere es und du kannst alles erreichen.
Ich bin gefürchtet. Obwohl die meisten nicht wissen wer ich bin, strahlt allein mein Name Angst und Verderben aus. Du sagst ihn nicht einfach so, denn selbst die kleinen Kinder drüben auf dem anderen Kontinent wissen was er bedeutet. Ich bin der Teufel. Der Boogieman. Mein Name bringt Verderben über ganze Regionen. Zumindest in ihren Köpfen, denn tatsächlich ist es das Geld, das ich und andere besitzen, das uns die Macht gibt über Leben und Tod.

Anal Acrobats Vol. 4

Die Leute wollen keine langweiligen oldschool Pornos mehr sehen. Immer mit demselben Plot. Blowjob, Fotze, Arsch, Blowjob, Cumshot. Was wirklich zählt ist rohe Gewalt. Darauf steht das Volk. Sie wollen echte Schmerzen sehen. Sie wollen Spermamasaker und Gaging, Scat und D.O.E.. Ein Schwanz ist nicht genug. Und die Schwänze müssen groß sein. Und die letzte Instanz macht aus allem, egal wie abgefuckt und krank, egal ob tot oder lebendig, immer noch was Geiles, ja der gute alte Cutter. Ein Praktikant sabbert mich mit blöden Fragen voll. Meine Antwort: „Aha, du hast dich also auch schon immer gefragt, wer die Frauen eigentlich sind, die sich so hernehmen lassen? Willst du wirklich eine Antwort, du Spast? Ich kenn da jemand, der dir sicher eine Auskunft gibt – wie wär‘s wenn du mal da rüber zu deiner Mutter gehst und die fragst. Und jetzt, verpiss dich.“
Es gibt defacto keinen Unterschied zwischen dem aktuellen TV-Programm und meinen Pornos. Beides läuft auf das Selbe hinaus. Demütigung anderer zum eigenen Lustgewinn. Egal ob sexueller Natur oder Lustgewinn durch Schadenfreude – solange jemand anderes leidet und dazu ein freundliches Gesicht macht, ist alles in Ordnung. Der Dreh heitert mich auf. Zeit für einen Schampus.

Go fuck yourself…

Irgendwas muss bei diesen beschissenen Rebellen nicht ganz klar im Kopf sein. Sie schicken mir ein schmieriges Paket – an meine PRIVATADRESSE!!! Anscheinend sind sie unzufrieden. Im Paket ist der Kopf von X. Das ist natürlich nicht gerade schön und ich beginne sauer zu werden. Fieberhaft denke ich nach, was wohl schief gelaufen ist bei der Geldübergabe, komme aber auf nichts und nehme an, dass irgendein kleiner Schwanzlutscher Lust auf mein Business hat. Zeit den/die Schuldigen zu finden…
Nach ein paar Calls ist alles klarer geworden. Carlos Schwiegersohn, der Wichser, hat Interesse an meinem Business. Ich brauche Carlo nicht um Erlaubnis zu fragen – seine Stimme hat alles legitimiert. Gut. Zeit meinen Namen wieder in alle Munde zu bringen.
Wir, ich und einige meiner Jungs stehen in einer meiner Lagerhallen. Wir tragen alle Obama-Masken, fast so wie in Point Break. Ziemlich dunkel hier im Hintergrund. Aber wir brauchen genügend Licht für die Kameras. Der Crème brûlée-Brenner, der Lötkolben, eine riesige schwarze Gummifaust und das glühende Fleisch des Schwiegersohns sollten ja gut sichtbar sein. Der Tonmann hat sich gerade übergeben. Kein Problem, auch das ist auf dem Film zu sehen und es sieht auch recht lustig aus, so mit Maske und so. Genau das richtige Material für youcruel.com. Ich bin zufrieden und dank meines Plastikschutzanzuges ist auch mein Anzug von Brioni sauber geblieben. Interessanterweise lebt der Kerl noch. Ein Nagel in sein einziges noch funktionierendes und vorhandenes Auge setzt ihm ein Ende.
Man muss Exempel statuieren. Kurz vor seinem Tod, sieht er via iPhone seine Frau, seine Eltern, ihre Eltern und seine Kinder ihm ins Reich der Schmerzen vorausgehen. Charon, der Fährmann, hat heute keinen schönen Tag. Ich schon.

Ja ja die Liebe.

In einem Buch, Autor unbekannt, fand ich folgende Aufzeichnung:
Das Pferd mit den zwei Köpfen erschrickt mich zu Tode. Ich sehe es von weitem, spüre aber seine Blicke über meine Haut streifen. Rote Augen, funkelnde Zähne in doppelter Ausführung. Schwarzes Fell – hell racer! Vor meinen Augen zerfällt es in viele blutige Stücke. Sie zucken kurz, ich spüre die Wärme, die von dem toten Tier ausgeht. Es wärmt mich mit Herzblut. Ein letztes Zucken des blanken Herzens und ich wache auf.
Ich hab Evelina bei einer Geschäftsreise kennen gelernt. Wir sind lange am Strand spazieren gegangen, händchenhaltend, romantisch wie Teenager. Seither hab ich sie nicht mehr gesehen, aber sie spukt in meinem Kopf herum. Sie in mein System einzugliedern war ein Fehler und genau das beschäftigt mich. Normalerweise macht es mir nichts aus Leben zu zerstören, denn am Ende steht mein Profit. Schon Tausende wie sie habe ich zu Geldquellen gemacht, aber bei ihr habe ich zum ersten Mal, übrigens zum ersten Mal in meinem Leben, Gewissensbisse. Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal was das ist, ein Gewissen. Klar, ich könnte jemanden anrufen und sie da wieder raus holen, aber ich könnte nicht mehr in ihre Rehaugen schauen. Sie würden nicht mehr die Selben sein. Es war einfach sie anzufixen. Sie vertraute mir. Sie sehnte sich nach Liebe und ich hab sie ihr gegeben. Ich spürte einen Stich im Herzen, als ich sie in den PKW gesetzt habe. Ihre weitaufgerissenen Augen, als sie merkte, dass ich nicht mit einsteigen würde. Diese Augen wecken mich nachts. Sie schweben über mir. Immer dieser fragende Blick. Immer dieser Blick, dieser enttäuschte Blick. Ich kann mir nicht helfen und muss mir eingestehen, dass ich sie liebe.
Ich weiß, dass uns ein unüberwindlicher Graben trennt und wir niemals zusammen glücklich werden können. Vielleicht auch, dass ich niemals glücklich werden kann. Die einzige Lösung, die ich sehe, ist sie zu erlösen. Kurz und schmerzlos. Ihr so noch mehr Leid zu ersparen. Sie zu retten und darauf zu vertrauen, dass es die andere Seite wirklich gibt. Ich hebe den Hörer ab, wähle eine Nummer und gebe eine Order, so wie immer, so wie schon mein ganzes Leben lang. Diesmal aber soll es ohne Kamera geschehen, würdevoll. „Sag ihr, dass ich sie liebe“, krächze ich ins Telefon und lege auf.
An der Türe zuhause empfangen mich meine Söhne, sie lachen. Auch ich lache, nehme sie auf den Arm und trage beide ins Haus. „Schatz, ich bin wieder zuhause, was gibt‘s zu essen?“

______________________________________
Daniel Mihajlovski ist Langzeitdiktator und CEO des CRAP-MAGAZINEs. Bekannt ist er allerdings vor allem für seine innovativen Kurzgeschichten und Erzählungen. Zuletzt erschien Ansichten eines Berufsdistractors oder break on through… im CRAP-MAGAZINE, eine Erzählung über die Freie Fahrrad Front und Terrorismus.

Fiona von Bose hat uns für diese Ausgabe des CRAP-MAGAZINEs zum ersten Mal ihr künstlerisches Können zur Verfügung gestellt. Ihre Bilder sind ungeheuerlich, düster und schwer – von ihr wird die Kunstszene noch viel hören und wir sind froh, mit dieser herausragenden Künstlerin zusammen arbeiten zu dürfen.

 


 


 
Facebook Share

2 Comments

  1. Der Schwager
    12.10.2011 18:46

    Wahrhaft erhabene Epik. Musste euer Scheißblatt einfach in meiner Klassenstufe verteilen. Wurde prompt zu nem Geburtstag eingeladen. Scheiße verbindet!

  2. Pingback

Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>