Danach

Sophia Bingen, die kleine Schwester von Claudia Christ, über die Pille danach in Prosa.

Der Boden ist ein Schachbrett aus gleichmäßigen schwarzen und weißen Quadraten, die wieder ein bisschen Ordnung in das kreisende Chaos in meinem Kopf bringen. Meine Schritte hallen laut auf dem Mamor, dröhnen zwischen den Wänden. Verräterische Zeugen meiner Anwesenheit. Mir kommt alles gestellt vor, inszeniert. Alles ist in Einzelbildern.

Wie die Stationen auf einem Kreuzweg, denke ich und starre den Jesus an, der an der sterilen Wand hängt und mit gequältem Gesichtsausdruck auf mich hinabschaut. Als ob er nur gekreuzigt worden ist, um jetzt hier zu hängen. Absurd irgendwie. In der Ecke summt ein Getränkeautomat, daneben ist ein Regal mit Broschüren zum Thema Kinder, Verhütung und Sex. Ich frage mich, wer hierher kommt, sich eine Cola kauft und dabei was über Geschlechtskrankheiten liest.

Es ist Sonntag Nachmittag und wie ausgestorben hier. Bis auf die Schwangere, die vorhin unter dem halbtoten Jesus saß und manchmal ähnlich schmerzverzerrt geschaut hat wie er. Von meinem Platz aus versuche ich die Überschriften der Prospekte zu lesen und den Jesus zu ignorieren. Liebe, Sex und Verhütung – Vom Mädchen zur Frau. Mein Baby, Mein Körper und ich.

Ich würde gerne was trinken. Kaffee am besten. Der Automat hat natürlich keinen Kaffee. Ich stehe eine Weile davor, sehe ihn an und fühle mich ertappt, als ich endlich aufgerufen werde von der Schwester, die mir vorhin mit behandschuhter Hand den Becher mit der Urinprobe abgenommen hat. Sie führt mich ins Behandlungszimmer und sagt ich soll Platz nehmen. Da ist eine Liege mit einem breiten Streifen aus weißem Papier. Ich habe Hemmungen davor es kaputt oder schmutzig zu machen, obwohl es ja eigentlich nur dazu da liegt. Trotzdem setze ich mich lieber auf einen Stuhl in die Ecke und muss wieder warten. Ich fühle mich unwohl hier, unruhig und rastlos, weil das Zimmer drei Türen hat.
Die Sonne wirft helle und dunkle Streifen durch die Lamellen vor dem Fenster. Ich habe sie zweimal durchgezählt, als die Ärztin kommt. Sie ist jung und ordentlich mit blonden Haaren. Bestimmt riecht sie nach Seife, statt nach Kaffee und Kater.

Sie reicht mir die Hand und ihr Händedruck ist fester als meiner. An ihrem weißen Kittel ist ein Schild auf dem ‘Dr. med. Jakob’ steht. An meinem Handrücken ist noch der Stempel von letzter Nacht. Sie setzt sich auf den Drehstuhl vor dem Schreibtisch und sortiert ein paar Zettel. Ich weiß nicht, ob ich ihr sagen soll, warum ich hier bin oder ob sie anfangen wird.

„Ihr Name?“, fragt sie.

„Sophia Bingen. Ich brauch die Pille danach.“

Es bleibt in der Luft hängen zwischen uns. Mir ist bewusst, dass es unnatürlich klang, viel zu schnell und zu schrill. So oft habe ich mir in Gedanken den Satz vorgesagt, damit er nicht wieder falsch klingt. Es wollte raus aus mir. Sie reagiert nicht darauf.

„Wie alt sind Sie denn?“, fragt sie nur und sieht mich an durch ihre Brille.

„20.“

Ein Vermerk auf ihren Zetteln. „Wann war der Geschlechtsverkehr?“

„Letzte Nacht.“

Sie notiert wieder etwas. Ihre linke Hand ruht auf dem Tisch. Am Ringfinger ist ein Goldring. Bestimmt ist ihr Mann auch blond.

„Ich kann Ihnen die Pille danach nicht geben. Ich kann Ihnen nur ein Rezept ausstellen“, sagt sie endlich und sieht mich wieder an.

Ich nicke, erleichtert. „Ich weiß.“

„Haben Sie die Pille danach schon mal genommen?“, fragt sie, vielleicht ein wenig überrascht.

„Ja.“

Sie macht ein Häkchen auf dem Blatt. „Wie lange ist das her?“

„Ostern.“ Ich könnte das erklären, aber ich versuche sachlich zu bleiben. Fakten sind wohl angemessener, als Entschuldigungen.

Sie hat den Stift bereit zum Schreiben, notiert aber nichts, sondern sieht mich nur an. „Sie wissen, dass die Pille danach kein Verhütungsmittel ist?“

„Ich vertrag die Pille nicht“, sage ich, fast schon mechanisch. Ein kläglicher Versuch einer Ausrede.

Sie nickt und notiert sich wieder was. „Wie verhüten Sie normalerweise?“

„Mit Kondom.“

Sie nimmt jetzt endlich einen Zettel fürs Rezept aus einer Schublade, schreibt was und drückt dann einen Stempel drauf. „Ihr Schwangerschaftstest war negativ. Sie können die Pille danach in der Apotheke holen. Lesen Sie den Beipackzettel und nehmen Sie die Pille heute noch ein. In ein paar Tagen bekommen Sie dann eine Abbruchblutung, nicht erschrecken. In drei Wochen müssen Sie trotzdem einen Schwangerschaftstest beim Frauenarzt machen.“

Sie reicht mir das Rezept. „Haben sie noch Fragen?“

„Ja – eine Notfallapotheke?“

„Die Marienapotheke am Sendlinger Tor hat heute offen.“ Sie reicht mir die Hand. Wieder ihr fester Händedruck. „Auf Wiedersehen.“

Ich sammle umständlich meine Tasche vom Boden, stehe unschlüssig da, ich weiß nicht durch welche Tür ich raus muss.

Die Ärztin lächelt, deutet zur Tür, die wieder raus auf den Gang führt.
Ich nicke und verlasse den Raum und wieder klackern meine schwankenden Schritte zu laut auf dem Boden.

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Sophia Bingen geht in den Schuhen ihrer großen Schwester Claudia Christ zum Arzt und holt sich die Pille danach. Wer mehr von ihr lesen will, schreibt an redaktion@crap-magazine.com – wir leiten dann alles an die Autorin weiter.

Mehr Sexthemen von Frauen unter “Leben”. Zuletzt erschien “Die Relevanz von Quantität” von Claudia Christ in dieser Rubrik.







 
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One Comment

  1. Claudia
    14.05.2012 15:46

    Na Kleine,
    wie haben die Schuhe gepasst?
    Dieses Pille danach Gezetere geht mir auch ganz schön auf den Keks. Meiner Meinung nach sollte man auch den Kerl hinschicken können, damit der auch für was gut ist. Reine Schikane das ganz Ganze. Indem man hingeht zeigt man ja sein Verantwortungsbewusstsein (das halt im nüchternen Zustand erst aktiv wird). Richtig so, Kleine, da sollte man mal auf den Tisch hauen!

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