Der Polnische Abgang

Ungeschriebene Gesetze erklärt – Teil 2

Als Polnischen Abgang oder regional auch „den Franzos‘ machen“, bezeichnet man das unangekündigte Verschwinden einer Person von einem gesellschaftlichen, oft drogenintensiven Anlass ohne Verabschiedung.

Das Wichtigste vorweg: Der Polnische Abgang ist trotz seiner geringen Akzeptanz nicht das Problem, sondern die Lösung! Diesem Irrtum möchte dieser Artikel durch konsequente Aufklärung entgegenwirken.

Der Begriff Polnischer Abgang leitet sich von der Redewendung „sich davon stehlen“ ab und erhält seine Bedeutung angesichts des beliebten Vorurteils der polnischen Affinität zur tauschmittelfreien Aneignung. Erfunden wurde der Polnische Abgang jedoch bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. in China. General Tan Daoji beschreibt ihn im letzten seiner „36 Strategeme“ und dieses ist grob mit „Weglaufen ist die beste Methode“ zu übersetzen.

Die zweite Variation – „den Franzos‘ machen“ – wird gern fehlinterpretiert und als Anspielung auf die vermeintliche Unhöflichkeit unserer gallischen Nachbarn, die eine adäquate Verabschiedung ausbleiben lassen, verstanden. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die „französische Verabschiedung“ entspringt der Galanterie und bezeichnet das Entschwinden des Galans (in diesem Fall meist „Liebhabers“) durch die Hintertür, und zwar ohne der Geliebten, durch unnötiges Lebewohlsagen, den Schlaf zu rauben. Der „Franzos’ “ findet sogar international Beachtung in der englischen Redewendung ‘to take a French leave’ sowie im Spanischen ‘despedirse a la francesa’.

Übrigens: Der Entschwindende drückt, entgegen landläufiger Meinung, nicht seine Antipathie gegenüber den Zurückgelassenen aus, sondern betreibt lediglich Risikobegrenzung. Er akzeptiert die aufmunternde Lebensart der Feierwilligen, die ihn im Falle einer Verabschiedung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zum Bleiben überzeugen wollen würden. Die den Polnischen Abgang oft auslösende Nähe zum schmalen Grat zwischen Feierlaune und Delirium Tremens, verringert die Widerstandsfähigkeit und führt meist zum Nachgeben und dem damit verbundenen Komplettabsturz. Und dieser entbehrt im Gegensatz zum „Franzos’“ jeglicher Würde. Neben dem Bewusstseins- wird also auch ein Ansehensverlust und der damit einhergehende Schaden am Gastgeber (zu reinigende Auslegeware, geschändete Pflanzen, umdekorierte Räume etc.) vermieden.

Durch die Befolgung ein paar einfacher Grundregeln und etwas Übung kann der Polnische Abgang sogar zum Ereignis für alle Anwesenden werden.

1. Verhalte dich unauffällig!
Wer bereits seit Stunden vom Alkohol oder anderen Stimulanzien gezeichnet in einer Ecke kauert, wird durch plötzliches Verschwinden keinen beeindruckenden Effekt mehr erzeugen. Dies gilt ebenso für den Abschied vorhersehbar machendes Herummäkeln an Musik, Stimmung und/oder Getränkequalität. Das Sprichwort „Man soll gehen, wenn’s am schönsten ist“ findet Beachtung und leitet über zu:
2. Nutze den Moment!
Meister des Polnischen Abgangs unterhalten sich im einen Moment noch mit zwei Gästen und haben ein Bier in der einen, zwei Frauen in der anderen Hand. Sobald die Gesprächspartner kurz das Gespräch übernehmen und anschließend die Zustimmung des Abgängers suchen, ist dieser bereits spurlos verschwunden. Es erfordert einige Übung, den Moment zu erkennen und effektiv nutzen zu können.
3. Weihe niemanden ein!
Diese Regel findet auch oder gerade dann Anwendung, wenn man Utensilien der hosentaschenlosen Begleitung (meist weiblich) wie Autoschlüssel, Brieftaschen oder Garderobenmarken aufbewahrt. Die Rückgabe würde die Qualität des Abgangs zerstören. Zusätzlicher Nutzen ist, dass der Abgänger auf der nächsten Party seine Hosentaschen für sich haben wird. Sollte diese Regel nicht befolgt werden und der Polnische Abgang bereits angekündigt worden sein, nennt man das einen „tschechischen Abgang“.
4. Dreh dich nicht um!
Nicht geübte werden oft während des Abgangs ertappt. Es ist dann immens wichtig, nicht ob der Ausrufe der Zurückgelassenen weich zu werden und sich in ein, das Unternehmen gefährdendes Gespräch verwickeln zu lassen. Die beste Methode ist nicht zu reagieren und mit klar fokussiertem (soweit es der Zustand noch zulässt) Blick in die angestrebte Richtung (weg!) fortzuschreiten.
5. Handy aus!
Früher oder später wird das Fehlen des Abgängers bemerkt werden und einen Telefonanruf zur Standortklärung provozieren. Um auch hier der Versuchung zu widerstehen, empfiehlt es sich, die eigene Erreichbarkeit gleich in der Vorbereitungsphase durch Ausschalten aller Kommunikationsgeräte einzustellen. Das garantiert zuhause (oder am nächsten verfügbaren Ruheplatz) zudem die notwendige erfrischende Nachtruhe.
6. Habe kein schlechtes Gewissen!
Die wichtigste Regel! Wenn du das nächste Mal mit den Leuten der Party zusammentriffst, tu so, als wäre nichts gewesen. Nur so kann die gesellschaftliche Akzeptanz des Polnischen Abgangs erhöht werden, denn du hast dich richtig entschieden!

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Ray ist bekennender polnischer Abgänger und ein Urgestein des CRAP-MAGAZINEs. Er ist Layouter, Designer, Autor und vor allem bildender Künstler. Zuletzt recherchierte er über das ungeschriebene Gesetz: “Shotgut!”.



 
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One Comment

  1. Annika
    03.12.2011 16:42

    Lieber Ray,

    bin vor kurzem bei einem Besuch in der Crap Zentrale mit der neusten Ausgabe versorgt worden. Hab anschließend deinen Artikel in der Tram gelesen und mir zur Verwunderung der umgebenden Fahrgäste ein unvorhersehbares Losprusten nicht verkneifen können.
    Ich selbst bin seit wenigen Jahren ein Freund des polnischen Abgangs. Ich habe mich dafür geschämt und meist am nächsten Tag reumütig entschuldigt. Jetzt weiß ich, dass ich diese Gabe nicht verstecken muss, sondern im Gegenteil noch weiter ausbauen und verbessern kann. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag!

    In freudiger Erwartung auf kommende Ausgaben,
    Annika

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