Die Freie Fahrrad Front

Ansichten eines Berufsdistractors oder break on through…

Der Kampf zwischen Radfahrern und Autofahrern hatte im Kleinen begonnen. Radwege mussten Autostraßen weichen. Gesteuert von internationalen Konzernen wurden Fahrradhändler erst sabotiert und dann deportiert. ALLE sollten Auto fahren. Die Margen sind einfach größer als im Fahrradgeschäft und dann noch die Anschlussgeschäfte (Versicherungen, Straßenämter, Straßenbullen, Steuereinnahmen). Die Fahrradfahrer begehrten natürlich auf und nutzten, wie dreist, auch die Autostraßen mit – dass es zu Toten kommen würde war absehbar. Das Risiko wurde aber in Kauf genommen. Nachdem ADAC-Mitglieder zum Totalen Krieg aufgerufen hatten, musste sich auch die FreieFahrradFront (kurz: FFF) bewaffnen. Heute herrscht Krieg.

Auf dem Weg zur Arbeit wurde ich beinahe von einem radikalen Autofahrer überfahren. Der neuste Trend im Autogeschäft – AddOn Waffen: Ausklappbare Sensen an der Seite, Nagelpistolen hinter den Lichtern, Arm-brüste mit dem Abzug am Fahrerfenster. Hauptsache man kriegt die Schweine. Fahrräder sind Mangelware. Nur noch unter der Hand werden Fahrrad-schläuche und anderes Zubehör verkauft – neue Fahrräder gibt es schon lange nicht mehr. Mit der 0-Klasse, dem Auto für Jedermann, brachte selbst Mercedes Benz ein Automodel auf den Markt, dass auch für die Mittelschicht erschwinglich sein sollte. Allerdings kam dann der 6. Golfkrieg dazwischen – die letzten Ölreserven wurden nach Deutschland geschafft. Die an der Bevölkerung begangenen Gräuel wurden verschwiegen oder propagandistisch gefälscht. Benzin wird heute aus so genannten erneuerbaren Energien hergestellt. Aus organischem Material. Tiere die früher zu Nahrung verarbeitet wurden, werden nun zu Treibstoff zerrieben. Das ist aber natürlich noch nicht alles. Was macht die Regierung mit eingefangenen Fahrradfahrern oder anderen Terroristen wie Fußgängern und Wanderern? Treibstoff.

Apropos Regierung: Eine scheinbare Demokratie gibt es auch – allerdings wählt der Bürger nicht mehr, mehr oder minder freie Politiker, sondern direkt Vorstandsmitglieder oder Diktatoren global agierender Unternehmen. Die so genannten Bürger wissen allerdings weder von den Machenschaften der Konzerne noch woher der Treibstoff für ihre Automobile kommt. Vielleicht wollen sie es einfach auch nicht wissen. Für sie und die Medien sind wir die Verbrecher / Terroristen. Verschwindet ein Mensch: die FFF haben ihn entführt. Krachen Autos aufeinander: die FFF haben das Ampelsystem sabotiert. Hat eine Tankstelle keinen Sprit: Die FFF haben ihn geklaut. Fahrräder haben den Status von Waffen. Menschen auf Fahrrädern sind Freiwild – freigegeben zum Abschuss. Siehst du einen Fahrradfahrer – überfahr den Terroristen!

Ich bin bewaffnet. Eine Pistole Heckler & Koch MK 23. Terroristen brauchen Waffen um sich zu schützen. Terroristen brauchen Waffen um zu überleben. Terroristen sind keine Terroristen, sie werden zu Terroristen gemacht. Tatsächlich bin ich ein Freiheitskämpfer der FreienFahrradFront. Eine Bewegung gegen die Konzerne und die Ohnmacht. Eine Bewegung gegen das Öl und die erneuerbaren Energien. Eine Bewegung für die Menschen und für gleiches Recht auf der Straße.

Tunnelblick. Waffe im Anschlag. Ein Angestellter. Bang. Bang. Bang. Zwei Schüsse in den Rumpf, einer in den Kopf. Um die Ecke. Weitere Angestellte der Konzernzentrale. Zu viele für die Pistol. Eine Granate hilft. Explosion. Körperteile. Haut und Gliedmaßenbrei. Der Korridor wird durch Skulpturen verengt. Deckung. Zielen. Headshot. Da kommt die Kavallerie – der natürliche Feind der Ureinwohner. Die private Sicherheitsfirma hat gut ausgebildete Kampfkolosse geschickt, bewaffnet mit Sturmgewehren HK417. Mein Job ist sowieso nur „distraction“. Ganz wo anders passiert das eigentliche Schauspiel. Ich renne. Salven aus den Gewehren jagen mich um die Ecken. Deckung. Eine Handgranate. Rennen. Der Gullydeckel ist noch offen. Sprung. Knacken im rechten Sprunggelenk. Weiter! Lauf Junge lauf!

Es gibt wieder Konzentrationslager in Deutschland. Hier in München in der Stadt des Automobils. Diese Lager produzieren den hoch begehrten Rohstoff, den Stoff, der alles in Bewegung hält. Freude Schöner Götterfunke (furz). Unter dem Slogan Freiheit = Automobil begann ein forcierter Siegeszug einer der leitungsstärksten Industriebranchen der Welt. Nachdem in Europa und Nord-amerika jeder zweite ein Auto besaß, wurde der asiatische Markt erschlossen. Die Folge: mehr Autos, mehr Straßen, mehr Industrie, mehr Profit. Die USA verfügten über eines der besten öffentlichen Verkehrsnetze der Welt, bis Chrysler und Ford alles aufgekauft und vernichtet hatten. Auch in Europa kaufte die Automobilbranche öffentliche Verkehrsmittel auf und vernichtete die Infrastruktur. Nur das Auto bedeutet Freiheit. Willst du frei und individuell sein, wähle zwischen Ford und Daimler. Steig auf ein Fahrrad und du wirst zum Terroristen.

Ich bin ein qualifizierter und enorm gut ausgebildeter distractor. Willst du irgendwo einen Anschlag verüben, musst du an einer anderen Stelle die Aufmerksamkeit auf dich ziehen. Das ist mein Job. Leider sind die Zeiten, in denen man nur mit einem Anschlag drohen musste, um alle in Panik zu versetzten, vorbei. Das Ziel des Terrorismus war Unsicherheit bei der Bevölkerung zu stiften. Am besten funktionierte dies, wenn man drohte irgendwo eine Bombe zu zünden. Dadurch wird jeder öffentliche Platz zum potenziellen Anschlagsziel. Und alle fühlen sich unsicher. Das waren schöne Zeiten. Heute geht es tatsächlich nicht mehr um die Verunsicherung der Menschen. Heute geht es einfach nur noch um Rache. Es ist kein Terror im klassischen Sinne. Es ist banaler, brachialer Krieg.

Ich. Rennend. Durch die Kanalisation. Die Leute von der Sicherheitsfirma sind hinter mir. Ich höre ihre undeutlichen Rufe. Scheinen Russen zu sein. Standi. Für die Drecksarbeit holen sich die Unternehmen gerne ehemalige Militärs aus Dritteweltländern. Ich lasse eine Granate fallen und hoffe sie explodiert im richtigen Augenblick. Lauf, Junge lauf! Der Knöchel schmerzt zusehends. Um die Ecke. Der Knall ist ohrenbetäubend und die Explosion reist ein Loch in die Kanaldecke. Sonnenlicht, dann fallen Autos durch das Loch und trennen mich von den Verfolgern. Das erste Mal, dass ich erlebe, dass Autos für etwas gut sind. Die Fahrer fluchen und fuchteln wild. Ich werfe meine letzte Granate auf den immer größer werdenden Autohaufen und renne weiter in die Kanalisation.

Lang Lebe die FreieFahrradFront. Verrecke, Autofahrer!

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Daniel Mihajlovski bekannt durch Essays, Geschichten und anderen Müll, ist Herausgeber und Chefredakteur des CRAP MAGAZINES. Zuletzt erschienen u.a. Zombie oh Zombia! und Der Misantroph im CRAP MAGAZINE.



 
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