Georg Seeßlen: Sex-Fantasien in der Hightech-Welt

Sexualität wird in der anbrechenden posthumanen Zeit schwieriger, da noch vielfältiger. Die Dopplung oder gar Vervielfältigung der Identitäten bietet Chancen und Risiken und generiert Erschreckendes und Erstaunliches. Um diesen ersten Spuren des Wandels näher zu kommen, fährt Georg Seeßlen (G.S.) in seiner dreiteiligen Abhandlung Sex-Fantasien in der Hightech-Welt sein ganzes spezifiziertes Wissen auf. Die Bücher werden so, u.a., zur Fundgrube von Kuriositäten, Phantasien und allerlei schmutzigen Ideen.

Buch I der Reihe trägt den Titel Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen? und richtet sich vorrangig auf „die Maschine“ als Fetisch-Objekt und Schlüssel zur Enthumanisierung des Sexuallebens. Es gibt einen fundierten Einblick in die aktuelle Genderforschung im Hinblick auf Mensch und Maschine und zeigt zukünftige Probleme für die Wissenschaft wie auch den individuellen Menschen auf.

Obwohl natürlich das ganze Buch absolut lesenswert ist, sei das Kapitel Das Geschlecht der Maschine, da grundlegend, hervorgehoben (vgl. G.S. I, 56 – 64). Georg Seeßlen stellt darin die These auf, dass Differenz und Divergenz der Geschlechter Ausdruck durch den Gebrauch der Maschine findet, und reziprok wiederum Geschlecht erzeugt. Er sieht die Technologie somit als ein Medium des Fortschreibens UND des Festschreibens. Zudem müssen die sozialen und emotionalen Maschinen in der Lage sein, das Geschlecht als ein Wesensmerkmal des Menschen zu unterscheiden (und sie sind es bereits, wie die Projekte Repliee Q1, Q2 und Geminoid HI-1 zeigen), um Partner in der menschlichen Kommunikation zu sein. Aber im Gegenzug dazu muss auch der Mensch lernen, das Geschlecht der Maschine zu identifizieren. Deshalb schreibt er es ihnen in der Programmierung und Gestaltung ein. Träger und Ausdruck dessen sind die Mythen, die vor allem in der Pop-Kultur ihren Ausdruck finden. Sie transportieren, spiegeln und erschaffen sogar neu, was um uns herum geschieht und was wir denken.

Georg Seeßlen führt durchweg sehr gute und plastische Beispiele zur Untermauerung seiner Thesen und Feststellungen auf. Ganz nebenbei schafft er dadurch die eingangs erwähnte Fundgrube und durch die geschickte Verquickung interdisziplinärer Ansätze mit Populärem wird das Buch nicht nur dicht und inhaltsreich, sondern auch zur gelungenen Unterhaltung. Das gilt natürlich auch für Band II der Reihe mit dem Titel Der virtuelle Garten der Lüste.

Der zweite Teil behält natürlich das Grundthema der Gender- und Mythenthematik bei, setzt seinen Schwerpunkt aber auf deren Ausprägung und Möglichkeiten durch und im virtuellen Raum. Die Rückkopplung in die (fast noch) reale Welt wird sehr gut im Kapitel Vom Jungbrunnen zur Botox-Party dargestellt (vgl. G.S. II, 90 – 112). Der Mythos der ewigen Jungend ist nichts Neues, aber seine Umsetzung verändert und seine Realisierbarkeitschancen erhöhen sich. Basierend auf der Evolution der hygienischen Lehre hin zur „Ganzheitlichkeit“, wird der Körper als immer fragmentierter verstanden und zwar als „eine Maschine, in der alle Elemente zusammengreifen“ (S. 92). Und wenn eines der Teile nicht so funktioniert wie es soll, dann wird es eben ausgetauscht oder modifiziert. Der ewig junge und gesunde Mensch hat seinen Körper radikal maschinisiert und fetischisiert. Übrig bleibt die unsterbliche Hülle des entkörperten Menschen, der zusammen mit der für ihn denkenden Maschine wiederum ein perfektes Traumpaar bildet.

Band III Future Sex in Quertopia liegt dem CRAP-MAGAZINE noch nicht vor. Eine Besprechung wird aber selbstverständlich auf unserer Website erscheinen.

Wir können es kaum erwarten, auch noch den dritten Teil dieser hervorragenden wenn auch hochkomplexen aber absolut lesenswerten Reihe zu verschlingen und danken an dieser Stelle auch dem Verlagshaus Bertz + Fischer für seine Unterstützung.

Eines noch am Ende: „Der Cyborg ist letztlich ein Versuch, den Zombie (Projektion von Angst und Revolte gleichermaßen) technologisch, und nicht zuletzt philosophisch zu transzendieren.“ G.S. II, 35

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Daniel Mihajlovski ist Komparatist und liest gerne, auch für das CRAP-MAGAZINE. Nebenbei ist er auch der Herausgeber und Chefredakteur dieses Schmierblatts. Mehr Rezensionen und anderes (Kurzgeschichten) von Daniel unter www.crap-magazine.com/kultur




 
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