Ungeschriebene Gesetze erklärt: Shotgun!

Die amerikanische Kultur hat viele großartige Errungenschaft hervorgebracht, die der hiesigen voraus sind, unter anderem Kaugummis, Jeans, Angriffskrieg auf Verdacht sowie die Erkenntnis, Personenkraftwagen mit bis zu 5 Individuen betreiben zu können: Carpooling.

Das gemeinsame Autofahren bringt jedoch neben dem Nutzen für die Umwelt auch Nachteile mit sich. So lässt der Komfort bestimmter Sitzpositionen im durchschnittlichen Mittelklassefuhrwerk zu wünschen übrig. Um sich also bei der Verteilung der Plätze von weltlichen Werten wie Körpergröße, Reichtum, Schönheit oder anderen Oberflächlichkeiten zu distanzieren, wurde ein ausgeklügeltes System entwickelt, das ausschließlich die schnelle Reaktion der Passagiere begünstigt und durch wenige tägliche Wiederholungen zu erlernen ist.

Das System fußt auf der Proklamation bestimmter Schlagwörter durch einen Mitfahrer (der Fahrer qualifiziert sich meist schon durch Besitz des Autos, des Führerscheins oder konsequenten Antialkoholismus) vor den Mitstreitern. Die im Folgenden erläuterten Ausrufe dürfen laut internationaler Verordnung erst auf dem Weg zum Auto außerhalb des zu verlassenden Gebäudes kundgegeben werden.

Der gefragteste Platz ist der Beifahrersitz. Dieser wird in der Regel zuerst beansprucht durch den Ausruf „Shotgun!“. Die Herkunft dieser Bezeichnung für die Position ist mitnichten im Kontext des Mafia-Drive-By-Shootigs zu suchen, sondern bereits im Wilden Westen festzumachen. Sie entstammt dem Titel der Begleitperson der Postkutsche, die beim Schwager (übrigens nicht der Gatte der Schwester, sondern der Kutscher; eine Verballhornung des französischen „Chevalier“) vorn sitzt, um das Gefährt mit großkalibriger Waffe vor Wegelagerern und Banditen zu schützen.

Die ergatterte Shotgun-Position im PKW kann durch ein Fahrer-Veto, die sogenannte „Pretty Woman“-Regel, negiert werden, indem durch den Piloten der Sozius einer schönen Frau des Carpools zugesprochen wird. Bitte zögern Sie nicht, diesen Passus selbstständig im Rahmen des Gender Mainstreaming umzudenken.


Sind die vorderen Positionen besetzt, gilt es, den mittleren Sitz auf der Rückbank des Boliden zu vermeiden. Der vorgesehene Ausruf dafür lautet „Not Bitch!“. Die Herkunft dieses Ausdrucks erklärt sich von selber und unterliegt einer weiteren Ausnahmeregel: Der Ausruf „Bitch!“ mit anschließender Personenbestimmung ermöglicht es dem Fahrer, eine zweite „Pretty Woman“ des Kollektivs in der Mitte der Rückbank zu postieren. Aufgrund guter Erziehung oder der Furcht vor möglichen Konsequenzen wird der Fahrer jedoch meist darauf verzichten.

Sollten nach der bisherigen Vergabe noch Vorlieben für bevorzugte Seiten bestehen, können diese durch „Turret“ [engl.: Geschützturm] oder „Bonnie“ (= rechts) bzw. „Cargo“ [engl.: Gepäck] oder „Clyde“ (= links) in Anspruch genommen werden. Die „Turret/Cargo“-Variante bezieht sich dabei auf die Bestückung eines Army-Hummers, bei der „Bonnie/Clyde“-Variante muss von willkürlicher Reglementierung ausgegangen werden.

Eine interessante und hilfreiche Zusatzregel gilt, wenn mit akut oder notorisch Betrunkenen gereist wird: Durch den Ausruf „Shaggalagga!“ entgeht man der direkten Platzierung neben dem Betrunkenen.

Über Details und Zusatzregeln wie „Blitz!“ (Herausforderung des Ausrufers zu einem Rennen zum Auto, dessen Gewinner die Position erringt) oder „Golden!“ (Inanspruchnahme der proklamierten Position für die Rückfahrt) sowie die Piraten-Regel und das „Pärchenrecht von 1997“ befragen Sie bitte einschlägige Internetseiten und sprechen deren Gültigkeit in Ihrem Carpool rechtzeitig ab!

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Ray schreibt und malt für das Crap-Magazine seit anno dazumal.
Mit seinen Bildern zur Zombie oh Zombia! wurde er beinahe über Nacht berühmt.

English Version available. 


 
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3 Comments

  1. Martin
    15.05.2011 13:20

    Yeah, endlich sagts mal einer. Und dann auch noch so gut geschrieben. Danke Ray!

    Bitte mehr davon!

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