Way Down In A Hole

Eine Kurzgeschichte von Daniel Mihajlovski 

Vermutlich haben sie meine Fährte aufgenommen, diese nichtsnutzigen, stinkenden Bestien. Und vermutlich führst du sie jetzt an. Ich werde wohl bald von dir, meiner einzigen, großen Liebe gefressen, um dann mit dir ewig in dieser Höhle herum zu wandern und dabei jämmerlich zu stinken und vor Hunger auf Fleisch zu schreien.

Aber fangen wir am Anfang an.

Nach dem Überfall war Nichts mehr wie zuvor. Ich hatte meine einzige menschliche Gesprächs- und Fickpartnerin verloren. Adam und Eva in der Hölle. Kein Garten Eden mehr, nur ein dreckiges Loch, in das ich mich verkriechen kann. Das Höhlensystem hatten wir damals durch Zufall entdeckt, jetzt alleine, ohne dich und ohne Aussicht auf Rettung bleibt mir nichts anderes übrig, als immer weiter in die Dunkelheit zu steigen. Meinen Berechnungen zufolge reichen meine Batterie-Reserven und die Astronautennahrung noch für 23 Tage. Vielleicht ein paar Tage länger, bei eiserner Rationierung. Gras ist auch nicht mehr viel da. Ich hoffe, das geht als Letztes aus. Die Höhle kommt mir sonderbar vor. Da ist so ein Rauschen und Pochen und ein Geräusch, wie eine tosende Brandung hintern den Felsen. Das Brandungsgeräusch ist nicht immer da, aber wenn es kommt, bebt die Erde. Natürlich höre ich auch die Horden hinter mir. Dieses permanente Grunzen und Röcheln, wie mir das auf den Sack geht. Aber das ist wohl Teil der natürlichen Geräuschkulisse hier in der Höhle/Hölle. Und eigentlich dachte ich auch immer, je weiter man in ein Erdloch hinein kriecht, desto glitschiger und schleimiger wird es darin. In meiner Höhle aber wird es nicht glitschig und eklig, nein es wird wärmer und angenehmer. O.K. da ist noch die Dunkelheit, aber es kommt mir so vor, als ob die Wände das Licht meiner Taschenlampe – übrigens eine Fenix TK40, ein geiles Gerät – stärker als zuvor reflektieren und ein warmes Licht erzeugt wird. Ach, Zeit für ein Päuschen. Ich entspanne mich langsam. Taschenlampe aus und Batterien sparen. Das Aufleuchten des Joints ist jetzt die einzige Lichtquelle. Jeder Zug ein kurzes Aufflackern der Glut. Ausatmen, Rauch in die Dunkelheit blasen.

Shit. Ich muss mich beeilen. Der süßliche Geruch von totem Fleisch dringt mir entgegen. Du kommst näher. Schnell weg hier, bevor du und die stinkenden Bestien um die Ecke biegen und meine letzte Stunde geschlagen hat.
Du bist übrigens eher unglücklich „gestorben“. Wir waren nachlässig und haben nicht aufgepasst. Eine kleine, herumstreunende Gruppe hat uns erwischt. Ich wollte dir helfen, hab dich hinter mir hergezerrt, aber du wolltest oder konntest nicht mehr. Da haben sie dich geschnappt. Und das Tragische daran, dein „Tod“ hat meine Flucht überhaupt erst ermöglicht. Schade. Wir hatten so große Pläne miteinander und außerdem mochte ich dich wirklich gerne. Ich verteile meine Scheiße in Abzweigungen des Hauptpfades. So als falsche Fährte für die Bestien und ihre Anführerin – meine ehemalige Geliebte und gottgesandte Eva. Geschnitten aus meiner Rippe zerfleischt und auferstanden vor meinen Augen.
Kennen gelernt hab wir uns draußen – wie lange ist das nun schon her? – du warst unter einem Balken eingeklemmt, halb nackt lagst du da. Ich konnte einfach nicht widerstehen und habe dich unter dem Balken hervorgezogen. Du warst mir natürlich sehr dankbar für deine Rettung und wir haben den wahnwitzigen Plan der Wiederbevölkerung der Erde gefasst. Ein Marathon aus bumsen, verstecken, bumsen, vor den Bestien davon rennen, bumsen, Essensuchen, bumsen, kiffen und wieder bumsen. Man kann’s sich ja vorstellen, so in dieser Endzeitstimmung. Alles verrottet, Alles ist tot. Kaum noch Leben und trotzdem pure Geilheit. Ähnlich wie in Zeiten der Pest. Mit einem Fuß im Grabe noch mal so richtig auf den Putz hauen. Ein Totentanz am Rande des Abgrunds sozusagen, das Pulsieren des Schwanzes als letztes Lebenszeichen.

Fuck. Ich habe mich an einem Felsvorsprung gestoßen. Erst geht mir die Astronautennahrung aus und jetzt auch noch das hier. Ich blute. So ein Dreck! Hoffentlich motiviert das die Bestien nicht noch mehr.
Immer wieder dieses Brandungsgeräusch und je weiter ich Tag für Tag in die Höhle eindringe desto lauter und desto öfter scheint dieses Geräusch aufzutreten. Ich hab keinen Schimmer, wie lange das so weiter gehen wird. Du und die Bestien hinter mir, immer in Hörweite, aber glücklicherweise immer noch weit genug weg, und vor mir eine unendliche Höhle. Das Gras wird immer weniger und die Taschenlampe habe ich mit den letzten Batterien bestückt. Arg lange dauert die ganze Scheiße hier nicht mehr. Natürlich würde ich irgendwann an eine Wand stoßen, denn die Höhle kann sich nicht ewig in die Tiefe schlängeln. Aber was dann? Selbstmord?

Und tatsächlich, nach nur 27 Tagen ist das Ende der Höhle, meiner Hölle erreicht. Ich lehne mich an die Wand. Drehe den letzten Joint und warte auf die immer näher kommenden Bestien, die sich röchelnd durch die Höhle zwängen. Ihr Geruch eilt ihnen wie schon so oft voraus. Vielleicht noch ne halbe Stunde und ich werde zu Fleischbrei zermalmt. Wieder das Dröhnen der Brandung hinter mir, hinter der Wand, an der ich lehne – aber diesmal mischt sich unter das Geräusch noch etwas anderes, eine Stimme. Ich kann sie verstehen, einwandfrei, und es wird mir mulmiger als je zuvor zu Mute in dieser Höhle. Die Bestien kommen um die Ecke, ich kann sie durch den Rauch des Joints und im Schein der immer schwächer werdenden Taschenlampe sehen. Und tatsächlich bist du die erste von ihnen und du bist es, die mich mit bescheuerten, toten Augen anschaut und die ihre Klauen nach mir ausstreckt. Mit dem Biss in den Hals, in meinen Hals, höre ich noch einmal die Brandung, mein Blut spritzt aus der offenen Wunde und dann ist sie wieder da, die Stimme, leise, monoton und bestimmt aber ganz klar hinter der Felswand:

An Gleis 1 bitte nicht mehr zusteigen. Zurückbleiben bitte.

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Daniel Mihajlovski ist Herausgeber und Chefredakteur des CRAP-MAGAZINEs. Nebenbei schreibt er auch Kurzgeschichten, zuletzt über Liebe und Fisting.

Mehr Kunst auf CRAP-MAGAZINE.com unter “Kultur”.


 
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