Weihnachtliche Mengen und Gänge

Eine Weihnachtsgeschichte von Alexander Fotiadis

Schnee fällt in weihnachtlichen Mengen, die Straßen sind üppig, die Gesichter dehnen sich weit und stoßen gleich Köpfen, die sich für das Fest rüsteten, bei Kaufhäusern zur Kur. Ein Mann geht mit seinem Liebchen am Markt vorbei und an Funkengeschwadern von jungen Zigaretten, die wie Menschen erkalten und sich häufen. Die Musik weiht still der Zeit Mond, Stern und Nebelreif und das Liebchen sang der Stunde.

Ich trällerte mir einen Reim, da weihnachtets im Keim und auch in dem Straßenschlunde.

Die Schritte auf dem Asphalt nähern sich jenen sechs Menschen, die hinter den Windschutzscheiben betroffen den Weihnachtsmärkten zufahren, ohne auch nur im Geringsten auszusteigen und sich auf die Weihe-Gesichter zu beziehen. Die Schritte halten vor den Karosserien und es werfen sich in den Gang die Stöße von Beinen an einem ganz normalen Tag.
Sie wartete schon eine Weile, bis sie endlich in die Reihe kam. Holzscheite, gemütliche, und Betonplatten standen vor und hinter ihr in der Schlange, an der Kasse mit Blicken, die sich krümmten. Ein Aug stund überm andern. Münder klirreten wie Becher und hingen an der Nase schlaff das Kinn herauf und die Schlangenohren. Einkäufe sind langweilig, dachte sie im Gesicht, und spielte mit ihren Flechten, das tat sie mit der linken Hand und gähnte mit der Rechten. Und es erhob sich um sie ein allgemeines Geschweig; darumb sie hatte wulln schreyn! Denn wie sie sahe diesz unergätzlich Gemeng, gieng sie zur Stad, den Örtern, in den sie war haussen. Fur der Thür stund auff alles Volck und folgete ihr nach, sintemal sie esz durch Leipes Gunst und Glantz darzu fuhrete. Ihr iphone klingelte plötzlich, wie wenn vom großen schmucken Baum hunderte Massen an Glitter flirreten.

Unsere Wangen waren rot vor Kälte und die Lippen, die wir in den heißen, gewürzten Wein tauchten.

Weihnachten, Sinnlichkeit, Hoffnungen wärmten im Schnee der Einsamkeit die stillende Sorge und weiß schwanden sie im Weihnachts-Sein.
Tannenzweig ragte aus den Ärmeln schwarzer Mäntel gleich bleichen, knöchernen Armen und ich hatte ein ungutes Gefühl, als mir einmal eine dieser Scheuchen den Weg weisen wollte, es schien mir ein Todesgang. Hohe Reklameschilder leuchteten mir würdelos entgegen und der Mann, der mit seinem Liebchen am Markt vorbei ging, naschte vielerlei Süßes auf dem Wege dahin. Sie stolperte klappernd an mir vorüber mit ihrem Gerät, an dem Träume sangen. Ein Idiot kam mir auch entgegen, wie immer ohne zu blinken, bog ich ab.
Hier floss das Leben, es flammte, dachte einer jener sechs Menschen eilig, es begab sich in allen seinen Farben, wie da zur Zeit Kaiser Neros versammlet waren hunderte Christen zum sinnlichen Feste Todes-Neros desselben, der dereinst saß auf dem Dache seines Palastes, singend, die Harfe im Arm wog und sich ergötzete am finsteren Brande Roms. Ich schwieg. Ich hatte diesen Weihnachtstaumel, diese entfremdete Konsumption endgültig satt.

Ich freute sich schon auf meine Geschenke, auf die vielen Bücher, die mir das Christ-Kindle bringen würde.

Das Einfamilienhaus am Nordfriedhof erfüllte sich am Abend. Eine jener sechs Gestalten klapperte ihre Schuhe den Gang am Wohnzimmer entlang, dann nahm sie ihre Beine von der Schwelle desselben Zimmers und bereitete sie nacheinander zu Tische über den Teppich, auf dem schon der Idiot klaffte wie Wunden in Quadern von Herzen. Köpfe türmten sich wie gähnende Augen ineinander und zueinander, ich war entsetzlich langweilig. Die sechs Menschen sprachen gegenseitig. Die Weihnachtsgans verteilte sich in die Anwesenden, so sie von jedem ein Stück hatte und von dem einen Flügel je zwei Arme hingen. An der gefiederten Brust steckten die Köpfe und Rümpfe der Hungrigen, die sich freudig die spitzen Hände rieben beim Anblick des duften Bratens.

Das Blut lief ihnen wie Wasser im Kopfe zusammen.

Wie wenn sie große Augen machten, höhlten die heißen Bratäpfel in den Kopflöchern schwarze Kreise, die ich anstierten. Von einem klirrenden Mund baumelte ein langes Messer mit silbernen Zähnen, zwischen denen die Essensreste blieben. Symmetrisch gliederten sich die Kehlen in Federfleisch.
Der Mann wollte gerade den Nachtisch holen, als er auf einmal dort, wo noch eben die Bratäpfel waren, die stumpfen Schaufeln für das Gebäck stecken sah; ihn hatte beinahe die Sprache im Munde zerschlagen. Ich war schneller, mein Schatz, quäkte sie mit spitz ragenden Blicken in den Köpfen, doch gleich erkannte er, was noch fehlte an dem feierlichen Abend, denn die Weihnachts-Kugeln suchte er nun vergebens an ihrer rechten Stelle. Ein schwarzer Schlund gähnete an der Stelle wo vormals ihr Schnabel saß, welchen Fehler er gleich behob, indem er immer zerspringende, flirrende Kugeln an eben die Stelle setzte. Endlich hielt eine von ihnen dem Sog ihres Schlundes Stand und er entfernte darauf den scharf splittrigen Schmuck aus der weichen Gesichts-Marmelade. Er war reichlich ungeschickt, doch das schien die Laune der Gäste nicht im Geringsten zu verdrehen. Sie war rasch bei der Hand und schnitt mit einer kreisrunden Schaufel in Portionen eines jeden der Glieder, dass der sechs Gäste jeder sich freuete. Schließlich hackten sie selbst die Teile des Nachbarn zuerst und dann sich und ließen es schmecken.

Die Reste, die von den Gästen übrig geblieben waren, wurden gekühlt aufbewahrt oder dem Hunde zum Fraß vorgeworfen, sodass bald Ruhe einkehrete.

Ich öffnete, als es spät noch klingelte, die Tür und gewahrte in den Wänden von Schneegestöber dunkle Flecken, die in Wahrheit gestaltige Farben von Menschen waren. Sie troffen die kalten Wände herab und aus dem Schlamm der Mäntel ragte das Fingergeäst zum Bettel. An den Stellen der strohigen Häupter steckten gewaltige Kerzen, die sie demütig neigten, da sie sich warme Erleuchtung erhoffeten. Ich bat sie herein und als ich die hoch aus dem Kragenloch ragende Kerze der ersten Scheuche entzündet hatte, nahm diese all ihre Würde zusammen und sprach feierlich:
„Es begab sich aber zu der Zeit, das ein Gebot von dem Keiser Augusto ausgieng, das alle Welt geschetzt würde.“ – Doch weiter kam sie nicht, denn das Feuer hatte übergegriffen auf die Zweige ihres welken Leibes.

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Alexander Fotiadis – Autor, Philosoph und Gelehrter – beehrt das CRAP-MAGAZINE mit seinem literarischen Ausnahmetalent. Neben zahlreichen Kurzgeschichten und Erzählungen schreibt Alexander Fotiadis auch Dramen, Essays und Gedichte. Bekannt ist er vor allem für die Neuinterpretationen archaischer Sprachmuster in seinen Werken. Weitere Texte sind auf Anfrage erhältlich. Das CRAP-MAGAZINE bedankt sich an dieser Stelle für das Recht zur Veröffentlichung.

Mehr Litaratur unter www.crap-magazine.com/literatur



 
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